Samstag, 1. September 2012

#44

Drei Leute. Drei Leute, die mich anstarren, mir Fragen stellen, versuchen mit mir zu reden. Mein Vater erzählt ihnen alles über uns. Er erzählt, wie oft er und meine Mutter sich streiten, wie oft meine kleine Schwester deswegen weint, wie sehr er darunter leidet. Die Schulpsychologin grinst mich zwischendurch mit diesem aufgesetzten Lächeln an, mein Direktor mustert mich in einer Tour. Jedes mal wende ich meinen Blick ab, gucke auf den grauen Teppichboden und hoffe, dass es langsam vorbeigeht.
"Ja, aber für Ihre Kinder muss das doch auch extrem belastend sein." Die Schulpsychologin schaut mich bemitleidend an, ich zucke nur mit den Schultern. "Geht." Sie lächelt wieder und schreibt dann etwas auf. Tränen steigen mir in die Augen, ich kämpfe mit ihnen. Wenn du jetzt heulst, sieht's gleich deine ganze Klasse und dann fragen sie dich was du hast. Willst du das? Nein, also reiß dich gefälligst zusammen! Mir wird heiß, ich will hier raus. Weg von diesen Leuten die denken wenn sie einmal mit mir reden, würden sie wissen wie es in mir aussieht. Niemand wird das je erfahren und schon gar nicht solche dummen Erwachsenen wegen denen ich am Ende noch in ne Pflegefamilie oder so darf. Nein danke, bis jetzt hab ich mich noch niemandem komplett anvertraut und das ist auch gut so.
"Wie denkst du denn über die Lage bei euch zu Hause?" fragt mein Direktor. 
"Mh, streiten sich nicht alle Eltern ab und zu mal? Ich glaub mein Vater dramatisiert das alles hier grad'n bisschen und deswegen versteh ich auch nicht, wieso ich für so'n Gespräch aus dem Unterricht geholt werde, wenn ich dann später nach Hause fahre und sich rein gar nichts geändert hat. Mir geht's gut. Ich schreib keine schlechten Noten, ich fang im Unterricht nicht auf einmal an zu heulen, ich schwänze die Schule nicht, was wollen Sie denn von mir hören? Soll ich sagen mir geht's scheiße oder was? Wenn es mir nicht gut gehen würde, wäre ich doch schon längst von alleine zu Ihnen gegangen. Kann ich jetzt bitte wieder zurück in meine Klasse? Danke." So viele Lügen in ein Paar Sätzen. Ich schiebe den Stuhl zurück, nehme meine Tasche und verlasse den Raum, ohne ein Wort zu sagen. Ne halbe Stunde hier rumgesessen, für nichts. Ich drehe mich nicht mehr um, mir kommt eh keiner hinterher. Ich hab denen alles gesagt, was ich zu sagen hatte, jetzt können sie ihre scheiß Fressen halten und mich in Ruhe lassen. Die ganze Sache hier geht niemanden etwas an.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.